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Interview von idea spektrum mit Lutz Scheufler

"Ich führe Menschen in die Krise!"

"Der richtige Ossi ist gegenüber Religion immun." So der Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack (Magdeburg). Denn in kaum einer Region Europas gibt es so viele Atheisten wie in den neuen Bundesländern. 1946 gaben 94,5 Prozent der Bevölkerung in der gerade entstandenen Sowjetischen Besatzungszone an, Mitglied einer Kirche zu sein. Mittlerweile ist nicht einmal jeder vierte Mitglied einer Kirche. Noack: "Die Menschen haben vergessen, daß sie Gott vergessen haben. "Ist Mission in den neuen Bundesländern also zwecklos?

Lutz Scheufler (Schwaben bei Zwickau) ist Jugendevangellst der sächsischen Landeskirche, der einzige Vollzeitevangelist in den sieben Landeskirchen in den neuen Bundesländern. Mit ihm sprach Karsten Huhn.

idea: Herr Scheufler, warum gibt es zwischen Ostsee und Erzgebirge so wenig Christen?
Scheufler: Wir haben mit dem Dritten Reich und der DDR zwei Diktaturen hinter uns, die von Kirche und Glauben an Gott nichts gehalten haben. Das hat natürlich geprägt. Viele Familien leben nun schon in der dritten Generation ohne Gott. Nicht mal die Großmütter kennen noch die biblischen Geschichten! Allerdings ist es im Westen nicht sehr viel besser: Im Osten leben die Leute ohne Gott und ohne Taufschein; im Westen leben auch viele ohne Gott, aber mit Taufschein.

idea: Sind die Menschen in den neuen Ländern an der christlichen Botschaft überhaupt noch interessiert?
Scheufler: Nein, wir müssen uns Gehör verschaffen. Dazu ist aber nötig, daß die Gemeinden vor Ort auch missionarisch aktiv sind. Und das nicht nur während einer Evangelisation, sondern das ganze Jahr über.

Höchstens bis zum Tod

idea: Viele Menschen scheinen Gott aber überhaupt nicht zu vermissen...
Scheufler: Es gibt viele, die auch ohne Gott glücklich sind. Ich versuche deshalb auch gar nicht erst, ihnen das auszureden. Aber ich will, daß sie ihre Weltanschauung hinterfragen. Schließlich reicht ihre Zufriedenheit bestenfalls bis zum Tod. Über das, was danach kommt, sollten sie sich aber schon jetzt Gedanken machen. Oft frage ich: Hatten Sie schon mal den Mut, sich wenigstens eine Stunde lang zu überlegen, was wäre, wenn die Bibel recht hat? Die meisten weichen dieser Frage jedoch aus.

idea: Nach den Worten von Bischof Noack, dem neuen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste in der EKD, ist der Erfolg missionarischer Bemühungen in den neuen Bundesländern weitgehend gescheitert. Warum?
Scheufler: Bei westdeutschen oder aus den USA kommenden Missionaren hatten viele Menschen den Eindruck: Die kommen jetzt und zeigen uns, wie es geht. Das kam nicht gut an. Wahrscheinlich haben es deshalb Evangelisten, die in der DDR großgeworden sind, hier leichter.

idea: Sind Evangelisationsabende noch zeitgemäß?
Scheufler: Ja! Sie bieten Außenstehenden den Vorteil, daß sie anonym bleiben können. Man kann sich in die letzte Reihe setzen, hört sich an, was die Christen zu sagen haben, und kann auch wieder gehen, ohne belästigt zu werden. Für Christen geben sie Anregungen für Gespräche mit Arbeitskollegen und Freunden.

idea: Welche Fehler machen Gemeinden bei der Vorbereitung auf eine Evangelisation?
Scheufler: Manche Gemeinden überlassen die Arbeit dem Evangelisten. Aber ein Evangelist, der von der Gemeinde nicht voll unterstützt wird, hat keine Chance! Dabei bietet eine Evangelisation für eine Gemeinde eine hervorragende Möglichkeit, die vielen Gaben unter ihren Mitgliedern zu entdecken. Einmal sagte mir ein Pfarrer, er habe durch die Vorbereitung der Evangelisation so viele neue Mitarbeiter gewonnen, daß sie sich für die Gemeinde selbst dann gelohnt habe, wenn sie ausfallen würde.

idea: Was kann ein einzelner Christ bei einer Evangelisation tun?
Scheufler: Er sollte vor allem als Gesprächs- und Gebetspartner für am Glauben Interessierte zur Verfügung stehen. Denn wenn ich als Evangelist verkünde, daß Jesus die Wahrheit ist, stelle ich damit das Leben der nichtchristlichen Zuhörer in Frage. Letzlich führe ich sie in eine Krise. Dann brauchen sie jemanden, dem sie vertrauen können. Es wäre unbarmherzig, sie in einem solchen Moment allein zu lassen.

idea: Stößt Ihr missionarischer Eifer in manchen Gemeinden auf Widerstand?
Scheufler: Im Gegenteil! Das Wort Evangelisation wird heute sogar von jenen benutzt, die es früher nie in den Mund genommen haben. Viele haben entdeckt, daß die Kirche verschwindet, wenn sie nicht missionarisch ist.
Wie man Evangelisieren lernt

idea: Woher kommt die Scheu mancher Christen, von Jesus zu reden?
Scheufler: Viele haben es einfach nicht gelernt. Sie überlassen es dem Pfarrer, der ja schließlich Theologie studiert hat. Aber auch wer meint, es nicht zu können, kann zumindest Menschen zu Veranstaltungen mitnehmen, wo von Jesus geredet wird, so wie es die Freunde des Gelähmten in Markus 2,1-12 machten.

idea: Kann man Evangelisieren lernen?
Scheufler: Ja. Jugendmitarbeitern sage ich häufig: Schreib doch mal die Geschichte auf, die Gott mit dir geschrieben hat. Wie bist du Christ geworden, und warum bist du es immer noch? Warum gehst du in die Kirche? Wer diese Fragen für sich beantwortet hat, dem fällt es auch leichter, anderen davon zu erzählen.

idea: Wie viele Menschen werden bei Ihren Evangelisationen Christen?
Scheufler: Gott handelt sehr verschieden. Einmal wurden an einem Abend 30 Menschen Christen, in einer anderen Gemeinde in einer ganzen Woche nur einer. Aber ich bin nicht auf Erfolg aus, sondern darauf, daß die frohe Botschaft ausgerichtet wird. Das Wort Erfolg gibt es in der Bibel nicht! Ich habe nichts zu verkaufen, wovon ich einen Gewinn hätte, sondern ich habe zu vermitteln, welchen Gewinn mein Gegenüber durch Jesus hat. Ich richte die frohe Botschaft aus und kann Jesus überlassen, was er mit den Menschen macht. Als Evangelist bin ich nur Gottes Hilfsarbeiter.

Hölle, Tod und Teufel

idea: Wie erreichen Sie Menschen, denen Jesus gleichgültig ist?
Scheufler: Indem ich auf Konfrontation gehe und zum Beispiel von Hölle, Tod und Teufel rede. Viele können sich doch gar nicht vorstellen, daß das heute noch jemand glaubt. Dann ist es mit der Gleichgültigkeit schnell vorbei.

idea: Viele Christen trauen sich nicht, von der Hölle zu reden.
Scheufler: Wir müssen aber davon reden! Der Friedhof hat einen doppelten Ausgang. Natürlich sollte die Liebe Gottes in der Predigt überwiegen. Aber wenn wir von Jesus dem Retter reden, dann dürfen wir nicht verschweigen, wovor er uns retten will. Sonst wäre es nur das halbe Evangelium.

idea: Gehen die Leute bei solchen Aussagen nicht aus der Veranstaltung raus?
Scheufler: Das gibt es auch. Aber ich drohe ja nicht mit der Hölle. Meine Warnung kommt aus der Liebe. Wenn ich meinen Kindern sage, geht nicht über die Straße, wenn ein Auto kommt, werden sie mir dann sagen: Du willst mir wohl drohen, du hast mich aber heute gar nicht lieb? Ich warne sie doch nicht aus Hass sondern aus Sorge.

idea: Sind die Menschen, die zu DDR-Zeiten an den Sozialismus glaubten, überhaupt noch für den christlichen Glauben ansprechbar?
Scheufler: Es kann für viele ein Aha-Erlebnis sein, wenn sie merken: Ich bin zwar vom Sozialismus betrogen worden, aber es gibt jemanden, der mein Leben positiv sieht. Dass es einen Schöpfer gibt, der unser Leben geschaffen hat und der mich liebt. Mein Vater war früher SED-Genosse. Heute geht er jeden Monat zum Jugendgottesdienst in Chemnitz und hört sich meine Predigt an.
Manipulieren Evangelisten?

idea: Evangelisten wird oft vorgeworfen, dass sie sich besonders Menschen in schweren Lebenskrisen zuwenden, die deshalb leichter manipulierbar seien.
Scheufler: Es ist nun einmal so, dass viele Menschen eher in Lebenskrisen nach Jesus fragen. Als Bartimäus am Wegrand saß und brüllte: "Jesus, hilf mir!", hat Jesus nicht gesagt: "Also ich will dein Leid nicht ausnutzen, frag mal wieder nach, wenn es dir besser geht."

idea: Zweifeln Sie manchmal an dem, was sie verkündigen?
Scheufler: Manchmal denke ich, du bist ja verrückt, dich hinzustellen und zu predigen. Diese Botschaft, daß da einer von den Toten auferstanden ist, dass es einen Gott gibt, den wir nicht sehen, kann nach menschlichem Ermessen eigentlich keiner glauben. Aber dennoch ist es die Wahrheit, die ich erlebt habe in meinem Leben und die ich jedem weitergeben möchte. Ich sage mir dann die Worte, die Jesus seinen Jüngern gesagt hat: "Wer euch hört, der hört mich." Wenn ich aus eigener Kraft auf die Bühne gehen würde, wäre ich nur eine Witzfigur.

idea: Vielen Dank für das Gespräch!

© idea spektrum, vom 26.06.2004